Suche
  • Gedanken über
  • das gute Leben, Menschen und Technologien
Suche Menü

Startups – Don’t believe the hype

Als Teenager erkannte ich, dass man die große Liebe eher findet, wenn man nicht krampfhaft nach ihr sucht.

Mittlerweile sind gut zwei Jahre vergangen, in denen ich mich intensiv mit Startups beschäftigte. In dieser Zeit habe ich viele Bücher und unzählige Blogposts darüber gelesen, zahlreiche Events besucht, mich mit angehenden Gründern unterhalten, in Startups gearbeitet und versucht eigene Projekte zu starten.

All das hat mich sehr viel Energie, Zeit und Aufmerksamkeit gekostet.
Vor einem Monat entschloss ich mich damit aufzuhören. Von heute auf morgen.

Warum? Ein Freund riet mir, etwas diskreter bei der Kommunikation meiner Ideen vorzugehen, um nicht ständig Staub aufzuwirbeln und nicht irgendwann als Schwätzer dazustehen. Das war gerade zu der Zeit als ich meinen Job als Berater in einer IT-Recruiting-Agentur gekündigt habe und viel Zeit hatte, um mir neue Ideen auszudenken. Es kränkte mich ein bisschen.

Schließlich hatte ich doch gelernt Geschäftsideen mit so vielen Menschen wie möglich zu diskutieren, um sie auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Also fragte ich meine Frau, die ich neben vielen anderen Eigenschaften für ihre unvoreingenommne Art und Ehrlichkeit schätze, wie sie darüber denkt. Es fiel ihr nicht leicht, aber schließlich sagte sie mir, dass ich in all der Zeit zwar wie ein Besessener nach Ideen gesucht und pausenlos darüber gesprochen habe, dieses oder jenes Unternehmen zu gründen, aber trotz allem zumindest in diesem Bereich nur wenige Erfolge vorweisen kann. Damit gab sie mir zu denken.

Natürlich wusste ich, dass ich noch nicht der erfolgreiche Unternehmer bin, der ich gerne ein mal sein möchte. Doch die zahlreichen Anfeuerungsrufe der Startup-Szene ließen mich glauben, das würde noch kommen, wenn ich nur lange genug durchhalte.

how-to-never-give-up

Aber je mehr ich über mein Verhalten nachdachte, desto klarer wurde mir, dass da etwas nicht stimmte.

In jeder freien Sekunde überlegte ich mir, mit welcher revolutionären Idee ich ein Unternehmen gründen sollte. Direkt nach dem Aufwachen, auf der Toilette, beim Frühstück, in der U-Bahn, auf der Arbeit, in der U-Bahn und am Abend im Bett. Meine Liste hatte sicher schon über 50 Einträge. Alles erschien mir reizvoller als ein „langweiliges Leben“ in einem ganz normalen Job. Und so sprang ich neben Studium und Jobs von Projekt-Idee zu Projekt-Idee, investierte Geld in die Registrierung von Domains, Zeit in die Entwicklung von Konzepten und Landing Pages und meine Aufmerksamkeit in das Erlernen neuer „Growth Hacking“-Strategien, um möglichst schnell viele Kunden zu gewinnen. Doch was brachte mir das alles?

Nichts.

Ich vergeudete meine Ressourcen. Anstatt mich auf ein, zwei Bereiche zu konzentrieren und in diesen ein Experte zu werden, nervte ich meine Freunde und Familie mit Ideen für Probleme, die niemand in der westlichen Welt ernsthaft plagen. Und machte mich auf die Dauer unglaubwürdig.

Die Wahrheit ist wie eine Operation, sie tut weh aber sie bringt Heilung.

Mir das einzugestehen tat weh, aber es half mir die Dinge klarer zu sehen und mich zu konzentrieren. Nachdem ich das ständige Suchen nach Geschäftsideen aufgegeben hatte, deaktivierte ich so gut wie alle „Social Media“-Kanäle der Startup-Szene. – Mir fehlte nichts.

Plötzlich hatte ich Zeit zum Programmieren, um mehr Sport zu treiben, das Buch auf meinem Nachttisch zu Ende zu lesen oder einfach spazieren zu gehen. Endlich konnte ich meine Frau wieder ansehen, ohne ständig mit den Gedanken in einer anderen Welt zu sein.

Ich möchte auf keinen Fall behaupten Startups wären böse. Beruflich und auf Veranstaltungen hatte ich das große Glück, sympathische, intelligente und inspirierende Menschen kennenlernen zu dürfen. Ich habe in kurzer Zeit sehr viel gelernt und konnte meinen Horizont ständig erweitern. Und da draußen gibt es einige Firmen, in denen Menschen arbeiten, die ihren Job lieben.


Allerdings habe ich gelernt das Ganze mit weniger Verbissenheit und Naivität anzugehen. Und ich möchte jedem dazu raten es mir gleich zu tun.


Mittlerweile gibt es unzählige Bücher, Berater und Videos, die eine Startup-Welt voller Abenteuer und unbegrenzter Möglichkeiten beschreiben. Wöchentlich finden Veranstaltungen statt und beinahe alle drei Monate startet ein neues Förderprogramm für junge Unternehmen. –  Ein funktionierendes Ökosystem ist notwendig, um Innovationen zu fördern und Deutschland benötigt dringend frischen Wind in der Forschung, der Wirtschaft und in vielen anderen Bereichen. – Aber: Don’t believe the hype!

Ich habe es übertrieben. Vielleicht weil ich in allem was ich anpacke sehr engagiert bin. Vielleicht weil ich auf all den Rummel herein gefallen bin und zu viele „Erfolgsgeschichten“ gelesen habe. Ich wünsche mir mehr über das Scheitern und Aufwachen junger Gründer zu erfahren. Darüber was aus ihnen wurde und was sie daraus lernten.

Hier sind meine Learnings:

1. Konzentriere dich darauf, dich als Persönlichkeit weiter zu entwickeln und anderen Menschen einen echten Nutzen zu bieten, dann kommt der Rest von allein.

2. Du musst erst jemand werden oder etwas können, um erfolgreich zu sein. Denn: „Dir Federn in den Arsch zu stecken macht dich noch lang‘ nicht zum Huhn“.

3. Entrepreneur Porn is F*cking Your Life Up

4. Vernachlässige niemals deine Familie oder Freunde. Und geh ihnen auf keinen Fall unentwegt mit deinem Mikrokosmos auf die Nerven. Ansonsten wollen sie irgendwann nichts mehr von dir wissen, weil sie dich a) nicht mehr ernst nehmen können, oder b) sie sich in deiner Nähe nicht wohl fühlen.

5. Egal was passiert:

keep-calm-and-don-t-believe-the-hype

Danke Dagny und Oliver für euren Rat. Und Danke an alle, die es so lange mit mir ausgehalten haben. 😉

Autor:

Andreas hat Geschichte, Informatik und Pädagogik studiert, als Programmierer das Glück gesucht und Unternehmen in der Digitalen Analyse beraten. Im Moment meistert er die Herausforderungen eines Product Owners in der Business Intelligence der OTTO Group. Wenn er neben Beruf und Familie Zeit für sich findet, verbringt er diese mit seiner Ukulele, Experimenten, Lesen und (manchmal etwas) zu viel Nachdenken. Hier erfährst Du mehr über Andreas und seine Motivation. Wenn Du über neue Beiträge informiert werden möchtest, kannst Du Andreas auf Twitter folgen.